Fragen und Antworten                

Was ist sexueller Missbrauch?           

Es ist sexueller Missbrauch, wenn ein Erwachsener oder ein Jugendlicher ein Kind oder einen Jugendlichen benutzt, um sich sexuell zu erregen oder zu befriedigen. Sexueller Missbrauch bedeutet immer einen Missbrauch von Macht.

Zentral ist die Verpflichtung zur Geheimhaltung, die dazu führt, dass die Mädchen oder Jungen  sprachlos, wehrlos und isoliert sind.

Sexueller Missbrauch ist in der Regel eine bewusste Tat. Sie ist meist geplant und vorbereitet, häufig erfolgt sie wiederholt.

Der Missbrauch beginnt mit Grenzüberschreitungen durch Blicke, Worte, geht über Berührungen, Entblößungen, Zwang zum Anfassen bis hin zur körperlichen Gewaltanwendung und Vergewaltigung.

 

Was können Sie tun, wenn Sie sexuellen Missbrauch vermuten oder davon erfahren?

  • Nehmen Sie Ihre Vermutungen ernst und sprechen Sie mit einer Person ihres Vertrauens.

  • Glauben Sie den Kindern oder Jugendlichen. Die Erfahrung zeigt, dass sich Mädchen und Jungen normalerweise sexuelle Übergriffe nicht ausdenken.

  • Bleiben Sie ruhig. Ihre Panik und Überstürzung würde das Kind/ den Jugendlichen zusätzlich  belasten und   eventuell wieder zum Schweigen bringen.

  • Informieren Sie sich und suchen Sie Hilfe für sich. Nehmen Sie Kontakt zu einer Beratungsstelle auf. Hier  finden Sie fachkundige Unterstützung und können die weiteren Schritte planen.

 

Wie häufig kommt sexueller Missbrauch vor?

Leider sind sehr viele Kinder und Jugendliche Opfer sexueller Gewalt.

Zahlreiche Untersuchungen haben ergeben, dass jedes 4. Mädchen und jeder 12. Junge bis zum Alter von 18 Jahren sexuellen Missbrauch erleben musste.

Beim Bundeskriminalamt werden jedes Jahr 18-20.000 angezeigte Fälle von sexuellem Missbrauch gezählt. Bei einer geschätzten Dunkelziffer von 1:20 bedeutet das, dass jährlich ca. 400 000 Kinder sexuell missbraucht werden. (Dunkelziffer bedeutet, dass nur jeder 20.Fall angezeigt wird).

 

Wer sind die Täter?

In den meisten Fällen finden die Übergriffe im familiären Umfeld statt oder im Freundes- und Bekanntenkreis. Übergriffe durch Fremde sind selten (in ca. 6 % aller Fälle). Die meisten Kinder und Jugendlichen werden von Männern oder Jugendlichen missbraucht, die sie kennen, mit denen sie zusammen leben und die sie oft auch mögen. Ein sexueller Missbrauch bedeutet deshalb oft einen massiven Vertrauensbruch.

 

Warum ist es so schwer, darüber zu reden?

Sexueller Missbrauch findet im Geheimen statt und es ist sehr schwer für Betroffene, darüber zu reden. Sie schämen sich und fühlen sich schuldig. Ganz kleine Kinder verstehen oft nicht, was da passiert. Täter gehen in der Regel ganz gezielt vor, binden den Missbrauch in ein Spiel ein, suggerieren dem Kind, dass es das doch auch wolle oder es ihm gefällt und benennen dieses „Spiel“ als „unser kleines Geheimnis“. Oder sie drohen dem Kind oder der Jugendlichen, dass etwas schlimmes passiert, wenn sie es weiter erzählen.

   

Wie reagiert das Umfeld?

Wenn Kinder oder Jugendliche von sexuellen Übergriffen erzählen, ist es oft so, dass ihnen nicht wirklich geglaubt wird. Eine ganz typische Reaktion ist zu sagen, das kann doch nicht sein. Wer kann sich schon vorstellen, dass der eigene Partner, Freund, der Onkel, der Cousin oder auch der eigene Sohn so etwas tun könnte. Ein sexueller Missbrauch innerhalb der Familie bedeutet daher eine Krise für die gesamte Familie, in der diese Unterstützung braucht.

  

Was brauchen betroffene Mädchen und Jungen?

Die betroffenen Kinder und Jugendlichen brauchen jemand, der sie versteht und auf ihrer Seite steht. Viele fühlen sich schuldig an dem was passiert ist und denken, sie hätten sich nicht ausreichend gewehrt.

Deshalb ist es wichtig, betroffenen Mädchen und Jungen zu sagen, dass sie nie selber schuld sind und ihnen zu vermitteln, dass alle Kinder und Jugendlichen sich auf ihre Art wehren. Manche drehen sich weg, stellen sich schlafend, tun so, als ob sie nichts mitbekommen würden, manche machen es einfach mit und lassen es über sich ergehen, weil sie Angst haben, dass es sonst noch schlimmer werden könnte.

All diese Widerstandsformen werden von den Tätern einfach übergangen und ignoriert. Täter sind sehr geschickt darin, die Tatsachen zu verdrehen und ihre Opfer für die Tat verantwortlich zu machen, indem sie z.B. sagen, das Mädchen habe sie provoziert. Das ist falsch, allein der Täter ist verantwortlich für die Tat und die Konsequenzen. Kinder und Jugendliche haben nie Schuld. Wichtig ist dies, Kindern und Jugendlichen immer wieder zu versichern.

 

Welche Folgen hat sexueller Missbrauch für die Betroffenen?

Sexueller Missbrauch kann weitreichende Folgen für die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen haben und kann zu Verletzungen auf körperlicher und seelischer Ebene führen.  

Die Betroffenen werden vom Täter benutzt, ihre Grenzen werden übergangen, ihre Gefühle werden missachtet und verletzt. Sie fühlen sich hilflos, ausgeliefert und beschmutzt. Ein sexueller Missbrauch durch eine vertraute Person zerstört das Vertrauen in andere.

Viele Mädchen und Jungen versuchen, ihre Erfahrungen zu verdrängen. Sie wollen nicht mehr darüber sprechen und nicht mehr daran denken. Manchmal funktioniert dies eine Zeitlang. Trotzdem bleiben die Verletzungen im Körper und in der Seele gespeichert und wirken weiter. Betroffene Mädchen und Jungen fangen an, sich und ihren Körper zu hassen, sie verlieren ihr Selbstvertrauen, empfinden sich als wertlos und nicht liebenswert, sie entwickeln Ängste oder spalten ihre Gefühle ab.

   

Was passiert in der Beratung?

Kinder und Jugendliche, die sexuelle Gewalt erlebt haben und es nicht verarbeiten können, brauchen Unterstützung. In der Beratung können wir Mädchen und Jungen helfen, mit ihren Erfahrungen zurecht zu kommen. Dabei gehen wir sehr vorsichtig vor und orientieren uns an dem, was die Mädchen und Jungen wollen.

Wir helfen Kindern und Jugendlichen, ihre eigenen Grenzen wieder wahrzunehmen und dafür zu sorgen, dass diese geachtet werden. Wir unterstützen sie darin, dass sie wieder lernen, ihren Körper als achtenswert und zu ihnen gehörig wahrzunehmen und verständnisvoll mit sich umzugehen.

Wie lange eine solche Beratung dauert, ist ganz unterschiedlich. Manchmal reichen ein oder ein paar Gespräche, manchmal begleiten wir Mädchen und Jungen über einen längeren Zeitraum.

  

Was passiert bei einer Anzeige?

Sexueller Missbrauch ist strafbar. Wenn die Polizei davon erfährt, muss sie ermitteln. Allerdings besteht keine Anzeigepflicht, das heißt, man muss keine Anzeige machen, wenn man von einem sexuellen Missbrauch erfährt.

Eine Anzeige macht man am besten direkt bei der jeweiligen Kriminalpolizeistelle vor Ort. Dort gibt es spezielle zuständige Kriminalbeamte oder Beamtinnen. Wenn ihr die Anzeige lieber bei einer Frau machen wollt, dann solltet ihr das am besten vorher sagen. Wenn ihr eine Anzeige macht, dann müsst ihr alles so genau wie möglich erzählen. Die Polizei wird dann weiter ermitteln, andere Zeugen und den Beschuldigten vernehmen. Bis es schließlich zu einer Gerichtsverhandlung kommt, vergeht oft viel Zeit.

Wenn ihr euch überlegt, eine Anzeige zu machen und unsicher seid, dann könnt ihr euch bei uns in der Beratungsstelle informieren. Wir kennen Rechtsanwälte und Rechtsanwältinnen, die euch beraten können. Bei einer Anzeige wegen sexuellem Missbrauch oder Vergewaltigung solltet ihr immer einen Anwalt/ eine Anwältin haben, der/ die euch und eure Familie unterstützt. Diesen müsst ihr nicht selbst bezahlen.